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Der Innovation auf der Spur

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Paid Content – jetzt mal konstruktiv, bitte!

Ich beschäftige mich jetzt seit etwa acht Wochen eingehender mit dem wieder aufkeimenden Phänomen Paid Content, anfangs mit großem Kopfschütteln über die Pläne von Konstantin Neven DuMont. Mittlerweile macht mich dieses gebetsmühlenartig vorgetragene feindschaftliche bis schadenfrohe Mantra “Paid ist kein Modell” stutzig und es fordert meinen Widerstand heraus. Ich kenne Jeff Jarvis, Chris Anderson und ich respektiere ihre Schlussfolgerungen – aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht alle Gesetze im Großen auch für alle Nischen gelten und ich könnte mir vorstellen, dass die monopolartige Struktur der meisten Regionalzeitungen eine solche Nische ist. Lasst uns das mal bitte konstruktiv betrachten, was haben wir denn zu verlieren außer vielleicht ein paar Glaubenssätzen?

Ich bekomme nach einigen Gesprächen mit Verlegern ein Gefühl dafür: Paid Content ist pure ökonomische Notwendigkeit, wir können es süffisant Verzweiflung nennen, aber der mitschwingende Vorwurf, dass der Verlegerverband ein verschnarchter Haufen sei, langweilt mich, und ich kenne ein paar, die sich in Sachen Dynamik nicht verstecken müssen, viele analysieren die Lage zwischen passabel und brilliant, kennen auch die Argumente von Jarvis und Co. und die meisten haben allemal bessere Laune als Don Alphonso.

Als langjähriger Anhänger und Verfechter der Reichweitenmodelle (und in der Folge des Online first! und des Long Tail) muss ich – für Regionalzeitungen – die großen Schwächen der Reichweitenvermarktung anerkennen, ich wünschte es wäre anders:

  • Nationale Online-Vermarktung funktioniert nur bei extrem volatilen TKP. Ich möchte mal den Redakteur, Berater oder Blogger kennenlernen, der es hinnimmt, dass sein Gehalt gezehntelt wird. Damit ist kein Haus und kein Auto bezahlt und kein Kühlschrank gefüllt. Genau das war in den vergangenen Monaten der Fall, ich höre von TKP für Online-Displaywerbung in der Größenordnung von 50 Cent bis 2 Euro, bei Video-Preroll-Werbung von 8 bis 12 Euro. Es zeichnet sich wohl eine Erholung ab, aber für den Unterhalt einer großen Redaktionsmannschaft ist das keine gute Voraussetzung.
  • Lokale und regionale Vermarktung ist möglich, noch anstrengend und kostenintensiv aber für alle, die sich gut aufgestellt haben, zunehmend leichter. Der TKP ist wesentlich höher und stabiler als in der nationalen Vermarktung – aber das Niveau der Printerlöse ist nach allem Ermessen unerreichbar.

Welcher Redakteur, Berater oder Blogger wäre so bescheuert, seine Artikel, Konzepte oder Dienstleistungen herzuschenken, wo er woanders noch Geld dafür bekommen kann?

Da sich das kein Verleger allzu lange ansehen wird, haben wir langfristig nur die Wahl zwischen Paid Content oder No Content (alternativ Trash Content, wie ich das heute bei einigen Angeboten im Netz empfinde). Free Content ist nur eine Option, wenn daraus irgend ein kommerzieller Vorteil folgt. Ich finde die hyperlokalen Experimente wie in Heddesheim und an anderen Orten hochinteressant, aber sie können wohl nur eine geringe Anzahl von Köpfen satt machen. Und dass One-Man-Shows auf lange Sicht nicht unbedingt dazu neigen, die hehren Ziele des Journalismus hoch zu halten, sehen wir bei den vor dreißig Jahren entstandenen Anzeigenblättern, die heute mit ganz wenigen Ausnahmen rein ökonomische Ziele verfolgen. Journalismus? Yeah, right!

Wir müssen mit allem rechnen in einer Zeit wie dieser. Vielleicht damit, dass ein großer Player wie Google oder irgend eine unterschätzte Initiative es versteht, die hyperlokalen Experimente zu einem Netzwerk zusammen zu schließen. Vielleicht organisiert sich die Crowd hyperlokaler Journalisten und wir erleben so eine Art Wikipedia des Regionaljournalismus. Der Brockhaus-Redaktion in Leipzig hat die Wikipedia letztlich die Existenzgrundlage entzogen. Vielleicht schafft es die Crowd, wie bei Wikipedia, auch gewisse Standards und Mechanismen zu entwickeln, die dazu führen, dass die Schwankungsbreite in Qualität in einen annehmbaren Rahmen gerät.

Das Wort “zappenduster” kommt mir in den Sinn, wenn ich beobachte, wie Google oder Craigslist sich in den letzten zehn Jahren bestimmten Märkten angenommen haben. Die Medienjournalistin Ulrike Langer beschreibt ihre Gedanken vor dem Eindruck der neuen Google-Navigation, deren bloße Ankündung die Aktien von Garmin und Tom-Tom diese Woche abstürzen ließ. Da kann man sich schon vorstellen, dass irgendwo ein disruptives Element letztlich einen “collapse of the middle” auslöst – und sei es aus Zufall (wie bei flickr). Die “middle” wären in diesem Fall die Regionalverlage.

Also Paid Content, und das besser zügig. Ich persönlich würde für lokalen Qualitätsjournalismus durchaus Geld ausgeben, habe aber einigermaßen hohe Ansprüche und sehe den Pfad (noch) nicht ganz, wie das zu realisieren sein soll. Mal abgesehen davon, dass ich alles andere als ein typischer Nutzer einer Regionalzeitung bin. Vielleicht steckt in dieser Betrachtungsweise schon der Fehler: Zeitungen sind es nun mal in jahrzehntelanger Tradition gewohnt, ein Produkt für alle zu machen und ihren Markt vom Ganzen her zu begreifen. Vielleicht müssen Ansätze für Paid Content den umgekehrten Weg beschreiten und vom Einzelnen ausgehend Wünsche adressieren und Nutzern bieten. Den Strauß Tageszeitung entbündelt, das ganze als modulares Wunschkonzert aber nicht seelenlos, einige Vordenker möchten dem Leser auch hier noch “Überraschungen” bieten. Klingt abstrakt? Ich hab’s leider momentan nicht konkreter. Aber ich spreche mit vielen Menschen in der Branche und in meinem Dorf und ich denke intensiv darüber nach.

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Kommentare

  • 31. Oktober 2009, 01:06 Uhr

    Besim Karadeniz meint

    So fern sind wir gar nicht von den Denkweisen. Auch ich stehe auf guten Lokaljournalismus, Betonung allerdings auf “guten”. Gerade die Landschaft der Lokalzeitungen hat es sich in den letzten zehn Jahren sehr einfach gemacht, in dem sie einfach so weitergemacht haben, wie bisher: Man nehme drei Teile pro Ausgabe, ein Heft Allgemeines, ein Heft Lokales, ein Heft Sport. Qualität? Iwo, der Leser hat ja die Zeitung abonniert und Lokalnachrichten bekommt er nicht übers Internet.

    Das hat dazu geführt, dass viele Regionalblätter schlicht verkommen sind. Der allgemeine Teil besteht aus dem, was heute in SPIEGEL Online & Co. steht, interessiert also morgen niemanden mehr. Der Sportteil verlagert sich ebenfalls immer stärker ins Netz, letztendlich durch öffentlich zugängliche Ergebnisdienste und auch durch immer stärkeres Engagement lokaler Sportvereine, ihre Nachrichten selbst ins Netz zu stellen.

    Und der Lokalteil, das eigentliche Herz der Lokalzeitung? Der verkommt in vielen Regionalzeitungen zur Abspielstation für Pressemitteilungen und für den Polizeiticker. Das alles kann der Nutzer inzwischen auch so haben.

    Verzweifelte Versuche, den Content jetzt einfach paid zu machen, wird dazu führen, dass niemand den Content kauft. Treffende Beispiele hierfür sind die so genannten “E-Papers”, die wie Blei in den virtuellen Regalen liegen und noch nicht mal ansatzweise das an Kundschaft hereinholt, was an normalen Abo-Kunden kündigt. Und das soll nun alles eine iPhone-Applikation richten?

    Es wird kaum sinnvoll funktionieren. Die Großen der Branche werden weiterhin Free Content bieten und scheinen gar vortrefflich damit leben zu können und die kleinen werden, wenn sie ehrlich sind, kaum darauf verzichten können, zugunsten einer iPhone-App die komplette Webpräsenz einzustellen, weil jedes iPhone ja auch einen Webbrowser enthält. Geholfen ist keinem. Es wird weiterhin Google News geben, es wird weiterhin genügend kostenlose Apps von Nachrichtenanbietern geben und die Regionalzeitungen werden auf ihrem Kiosk sitzenbleiben, so wie eben auf ihren E-Papern.

    Es sind nicht die bösen Suchmaschinen, die der Pressewelt zusetzt. Es ist die Pressewelt selbst, die immer noch nicht begriffen hat, dass sich das Zeitalter des zahlenden Benutzers langsam aber sicher dem Ende zuneigt und man sich doch endlich einmal darum kümmern sollte, wie man das kompensiert bekommt, ohne Träumereien zu verfallen oder gar, das so am Rande, von der Politik Leistungsschutzrechte zu verlangen.

  • 31. Oktober 2009, 06:00 Uhr

    Klaus Minhardt meint

    Paid Content für eine Tageszeitung ist kein tragfähiges Konzept, da Nachrichten schon immer kostenlos waren. Die untergehende Fähre oder der umgefallene Kirchturm haben nur einen Wert als Paid Content, falls diese Nachricht exklusiv bleibt. Das ist allerdings nur durch Geschwindigkeit für einige Stunden möglich.

    Ein Abo der dpa oder das Lesen einer Website mit Agenturmeldungen liefert reichlich News. Daneben gibt es diese auch durch Funk und Fernsehen. Warum bezahlen?

    Auch die Wünsche der neuen Koalition nach einem Leistungsschutzrecht lassen sich nicht wirklich ohne schwere Veränderungen des Urheberrechts umsetzen. Nachrichten müssten als schützenswert deklariert werden. Das Ende der Pressefreiheit wäre nah.

    Paid Content war schon immer erfolgreich bei Special Interest, Service und Test. Da gehört es hin und wie Stiftung Warentest belegt, kann man so auch etwas Geld verdienen.

    Meine Recherche über die Einnahmeverteilung bei SpOn ergibt, dass Paid Content in vergangenen Jahren nur einen Bruchteil der Einnahmen ausmachte und die meisten Euronen durch Google und die Onlinewerbung kommen. Bei anderen Anbietern ist das nicht unähnlich.

    Selbst eine Verseuchung des Paid Content mit Werbung bringt nicht viel, außer Frust bei den Zahlungswilligen. Da höchsten 10 Prozent (Realisten gehen eher von weniger als 1 Prozent aus) der Leser des Free Content zahlungswillig wären, würde die Reichweite bei der Werbung kollabieren.

    Vorschläge gewünscht? Wie wäre es mit Free Content bei News & Co und Geld für einige wenige hochwertige Inhalte? Nur so bekomme ich als Verleger die Chance auf Mehreinnahmen.

    Der Schrei nach Leistungsschutzrecht hilft den Urhebern genauso wenig, wie den Verlegern. Ohne Leistungsschutzrecht können die Manager in den Verlagen wenigstens lamentieren und alle Not den untätigen Politikern zuschieben, die noch immer nicht den Wünschen der Lobbyisten nachgekommen sind. Und die Urheber werden über total Buyout eh nicht mehr am Erfolg beteiligt.

    Aus Sicht der Urheber, also der Schreiberlinge und Knipser, wäre längst eine Initiative für mehr Geld für gute Leistung notwendig. Die Verleger jammern auf hohem Niveau und dumpen die Leister in ihrem System. Hungerlöhne (5 € für ein Foto oder 10 € für einen Bericht sind nicht selten) ermöglichen schon lange keinen Qualitätsjournalismus mehr. Kommen die schlechten Einnahmen nicht vielleicht von mangelhafter Recherche und geschluderten Beiträgen? Sollte man also nicht lieber in die Redaktion und die Freien investieren?

    Sollte Paid Content irgendwann wirklich funktionieren, so sollten die Urheber sich überlegen die Beiträge direkt zu vermarkten. Was bei Gemüse und Musik gut funktioniert, sollte sich doch auch auf einem iPhone erfolgreich realisieren lassen! Bei 79 Cent pro Beitrag erreicht der Journalist schon bei wenigen Abrufen höhere Einnahmen, als durch den Verkauf aller Rechte an den Verlag. Wofür benötigen wir dann eigentlich noch die altbackenen Verlagshäuser?

  • 31. Oktober 2009, 14:46 Uhr

    marian_semm meint

    @Besim Karadeniz:
    Sie sprechen mir aus der Seele. Ich sehe das mit den Leistungsschutzrechten als Privatmensch durchaus kritisch. So Peter, you’ve become a pirate. (Hook, Großmutter Wendy)

    @Klaus Minhardt:
    Ich bin in einigen Punkten auch ganz bei Ihnen:
    - dpa-Nachrichten “paid” ist Quatsch, hatte ich das nicht geschrieben?
    - es funktioniert wunderbar bei Stiftung Warentest, aber etwas vergleichbares haben wir bei Regionalzeitungen nicht.
    - die redaktionellen Strukturen sind meist an den falschen Stellen ausgedünnt (nämlich im Lokalen).

    Aber wir haben in verschiedenen Bereichen eine Monopolsituation mit mittelmäßigen Free-Content-Online-Diensten, die ganz sicher nicht besser werden, solange “free” nicht funktioniert und – ihre Vorschläge in Ehren – das tut es, tut es, tut es nun mal momentan nicht – schön für SpON, dass die Situation dort anders ist. Ich schließe in meinem Beitrag eine Graswurzelbewegung, wie von Ihnen skizziert, übrigens überhaupt nicht aus.

    Da haben wir jetzt zwei Möglichkeiten:
    (1) Gebetsmühlenartig zu verkünden, dass Paid Content nicht funktioniere, wo wir das, zu dumm aber, noch nicht mal vernünftig versucht haben, d. h. mit wirklich hochwertigem Content). Und zugegeben, wo wir uns an vielen Orten mit den bestehenden redaktionellen Strukturen sauschwer tun dürften.

    (2) Wir können uns die Frage stellen: Wie könnte es denn funktionieren? Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass mir ein allerdings dann hochwertiges Online-Abo 15 Euro im Monat wert wäre – und damit sind keine umfallenden Reissäcke und fünftklassige Vereinsberichte gemeint sondern vor allem die Dienstleistung all das, was um mich herum in verschiedenen Themen, Sphären und Umkreisen herum geschieht, für mich zu ordnen und einzuordnen. Je länger ich darüber nachdenke, desto eher würde ich auch 20 Euro bezahlen.

    Allein für mich wird das kein Verlag umsetzen, aber wenn wir uns die Frage des “Wie” nicht stellen und uns auf die Suche begeben nach einer kritischen Masse, dann ist “Paid ist kein Modell” eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt. Den Bloggern kann das egal sein, den Regionalzeitungen nicht.

  • 2. November 2009, 15:24 Uhr

    Ulrich Voß meint

    1) Das Tolle am Internet ist, dass ich dauernd in Hundert Quellen lesen kann. Ich muss mich nicht mehr entscheiden, ob ich die FAZ oder die Süddeutsche oder den Spiegel oder den Focus lesen möchte. IMHO wird jedes Paid-Content-Modell scheitern, dass das nicht berücksichtigt. Ein Abo für eine Zeitung? Never!
    2) 15 Euro für ein Online Abo, wenn mich das im Print 25 kostet? Never.
    3) Guter lokaler Content? Wo soll denn der herkommen bei sinkenden Erlösen? Selbst bei den jetzigen Einnahmen schafft das (fast) niemand mehr. In meiner Lokalzeitung sind 90% der Artikel Schrott bzw. in gleich guter Qualität durch Blogger ersetzbar (der lokale Sportteil wird schon zu 90% so erzeugt)
    4) Dem Journalisten kann es auch egal sein ob der für einen Hungerlohn für eine angesehene Tageszeitung arbeitet oder für einen Hungerlohn als Blogger …
    5) Ich glaube nicht, dass Paid Content grundsätzlich tot oder unmöglich ist. Ich selber zahle z.B. für ein Abo des WSJ und Barrons. Das kostet mich für die wahrscheinlich weltweit besten Zeitungen/Zeitschriften weniger als 150 Euro im Jahr. Da soll ich für den Regionalteil einer Zeitung 20 Euro im Monat bezahlen? Never! Oder für das Handelsblatt 30 Euro im Monat? Never! Die Preismodelle, die ich in Deutschland gesehen habe, sind bisher allesamt unrealistisch (79 Cent für *einen* Artikel in der Augsburger Allgemeinen. Das können die nicht ernst meinen. Meinen sie aber).

    Der Zeitungsmarkt ist “disrupted” worden. Die Zeitungen (insbesondere die Lokalzeitungen) haben weniger den Kampf um die Leser als den Kampf um die Anzeigekunden verloren. Früher musste ich für den lokalen Kontakt in einer Stadt die lokale Zeitung buchen. Heute bekomme ich den Kontakt auch über das Lokalradio und das Internet. Selbst wenn der User bei Facebook.com surft, sehe ich über die IP aus welcher Stadt der User kommt und kann die entsprechende Werbung schalten. Ergo ist das regionale Monopol kaputt. Für immer. Das hat den Markt für Immobilien-, Auto-, Stellen-, Partner- und Kleinanzeigen zerstört. Das haben die Verlage schon vor 10 Jahren verrissen. Darüber wird wenig geredet, weil es keinen Schuldigen (außer den Verlagen selber) gibt. Den Markt hat halt nicht ein böser Monopolist wie Google erobert (auf den sich trefflich schimpfen lässt), sondern immoscout24, mobile.de, monster.de, parship.de, … Die Anzeigenerlöse in diesen Bereichen dürften um 80% oder mehr gesunken sein und kommen nie mehr zurück. Generell wird in der Krise viel zu viel über die Leser diskutiert und nicht über die Anzeigeseite. Dort haben die Zeitungen nämlich den Krieg verloren (jaja, ich meine Krieg, nicht eine Schlacht).

    Früher musste ich mich für eine Zeitung entscheiden. Heute hole ich mir den Sport aus dem Kicker, das Feuilleton aus der FAZ und die Wirtschaft aus der FTD. Damit lese ich bei der FAZ aber weniger Artikel als früher im Abo. Dafür allerdings auch mehr beim Kicker oder der FTD, die ich nicht abonniert hatte. Darauf müssen sich die Anbieter einstellen: Spezialisierung heisst das Zauberwort. Generischen Content kauft niemand. Davon leben die Zeitungen aber: Je nach Qualität der Zeitung kommen 30, 50 oder 80% aus Tickermeldungen. Damit konnte man früher Geld verdienen, aber das ist jetzt vorbei.

    Ich könnte noch mehr schreiben, aber ich muss auch mal wieder arbeiten …

  • 2. November 2009, 17:53 Uhr

    Enk meint

    ahem, sorry, aber wenn du von TKP für Online-Displaywerbung in der Größenordnung von 50 Cent bis 2 Euro hörst, dann vielleicht für Restplatzvermarktung auf Billigstcontent-Seiten. Im Premium-Bereich (Spiegel, Welt, Handelsblatt, etc.) sind die TKP erstaunlich stabil geblieben, vor allem wenn man gezielt platzieren will und run-of-network nicht in Frage kommt. Und auch für größere lokale Marken ist eine Anzeigenfinanzierung durchaus realistisch. Nur muss ich dafür als regionaler Zeitungsverleger auch online eine Marke etablieren, an der man als regionaler Anzeigenkunde nicht vorbeikommen kann. Und das geht nur über Reichweite. Und Reichweite nur über Qualität.

  • 3. November 2009, 01:03 Uhr

    m0mms meint

    also, ich denke das wirkliche problem ist die horizont. ich lese fast immer von content als “bericht über eriegnisse”. wieso eigentlich? welche erreignisse? warum fixiert auf das, was zeitungen in papierform mit sehr hohe investitionen und logistikkosten jeden tag überall verteilen?

    ich erwarte von meinem computer oder location-aware-device (ja, ich habe die apple virus) das es mich nicht nur sagt welche parties, bars, kinoprogramme in meine nähe sind (meinestadt.de und hundert ähnliche), sondern das es automatisch ereignisse aussucht die um mich herum – und das bedeutet nicht nur physisch/lokal sondern virtuel/lokal – passieren und meine kostbarer zeit für dinge freihält die mich interessieren.

    das kann der fußball fan der unterwegs ist, und erfährt das gerade in eine halbe stunde der hoffenheimer elf in karlsruhe eine spontan autogrammstunde machen und er kann mit der db zug 1234 das schaffen ohne sein termin um 8 zu verpassen.. oder der berufstätige der gerade der metioriteinschlag in seinem geburtsort mitbekommt, oder der…

    d.h. es interessiert mich *nicht* das ein ereignis “nachrichten” heisst. irrelevant. ereignisse interessieren mich nur wenn sie für mich relevat sind, und in einem gesamt informationsangebot integriert sind.

    und eine tragbares model der medien landschaft der zukunft wird sich gut tun an diese nicht verleugenbare tatsache zu orientieren. d.h. es geht um die erfassung von erreignisse, die kontrolle der qualität der erfassung, und *vor allem* um eine belastbare klassifizierung / kategorisierung.

    ich glaube einige verleger haben es schon kapiert.. was ist letzendlich deren mehrwert? farbiges öl auf papier bringen und im nu durch die landschaft transportieren? nein. es sind die köpfe der fachleute, die verstehen wie man erreignisse klassifiziert. und sonst nichts.

    also, verleger der welt, einig euch, und mach endlich was sinnvolles

    weil die zeitung ist – mit wenige ausnahmen – tot

  • 3. November 2009, 09:20 Uhr

    marian_semm meint

    @Ulrich Voß:
    Im großen und ganzen beschreibt dein Beitrag auch meine Meinung:
    - Niemand bezahlt für etwas, das er umsonst bekommt.
    - Guter lokale Inhalte machen Arbeit und generische Inhalte sind Mist.

    Aber ich glaube tatsächlich, dass die Situation eine andere ist, wenn wir das aus den Perspektiven (a) eines regionalen Verlages und (b) des internetaffinen Normalos betrachten (…eigentlich wollte ich mich aus der Zielgruppenbeschreibung raushalten, na das hat ja gut geklappt…).

    Im eher ländlichen Raum haben wir vielerorts ein Informationsmonopol der Zeitung und mein Argument für Paid Content ist, dass ich es aus eigener Anschauung für die bessere Alternative zu “No Content” oder “Trash Content” halte. Ich werde 15 Euro nicht für die Inhalte der gedruckten Zeitung zu 25 Euro bezahlen sondern nur für deutlich mehr, deutlich besser aufbereitet, deutlich besser auf mich zugeschnitten. Aber ich bleibe dabei: 15 Euro wären für mich nicht unrealistisch.

    Der Köder muss dem Fisch halt schmecken, ich denke weiter über die Beschaffenheit des Wurmes nach…

    @Enk:
    Ja, im Premiumbereich mag das so sein, aber, hm, ich kuck mir halt ein paar Websites von Regionalzeitungen an. Wenn da nach einem Duzend Page Impressions der Frequency-Cap zuschlägt, bleiben die Parship-Banner übrig. Da dürften wir dann in der Größenordnung um die 20 Cent liegen. Macht ausgemittelt so 50 Cent bis 2 Euro.

    @m0mms:
    Ich gebe Dir recht, aber das ist ziemlich weit weg vom Journalismus, oder?

  • 3. November 2009, 11:25 Uhr

    Josef Roßmann meint

    Mich hat es sehr gefreut, dass unser Geschäftsmodell eines virtuellen Kiosks für Zeitungsverlage auf dem iPhone mit dem Arbeitstitel “Newspush” für neuen Wind in der Paid Content-Debatte gesorgt hat. Sogar der SPIEGEL erwähnt unsere App in seiner aktuellen Printausgabe (Ausgabe 45/2009).

    Ich bin dezidiert nicht der Meinung, dass Nutzer für digitalen Content keinen Cent ausgeben, wenn es eine kostenlose Alternative gibt.

    Blicken wir ein paar Jahre zurück: Es gab Dutzende von Tauschbörsen, jeder Song, jeder Film war (und ist) gratis zu haben. Dennoch hat die Attraktivität dieser Tauschbörsen für den normalen Nutzer spürbar nachgelassen.

    Apple hat mit iTunes eine Plattform geschaffen, bei der mit wenig Aufwand nahezu alle beliebigen Songs gekauft werden können. Vorher hatte jedes Plattenlabel versucht, Titel seiner eigenen Künstler zu verkaufen – was grandios gescheitert ist. Dem Nutzer möchte die neue Single von Robbie Williams kaufen, ihm ist es schlichtweg egal, bei welchem Label er unter Vertrag ist. Das gleiche Modell sehen wir innerhalb von iTunes jetzt bei Filmen und in Kürze vielleicht auch bei Büchern, wenn Apple tatsächlich einen Reader herausbringen sollte.

    Was lernen wir daraus: Der Nutzer kauft dann, wenn er alle Inhalte von verschiedenen Quellen einheitlich unter einem Dach angeboten bekommt und man es ihm nicht künstlich erschwert Geld auszugeben.

    Das wirklich Neue an unserer iPhone App ist, dass Verlage aus ganz Deutschland (und wir werden seit letzter Woche mit Anfragen geradezu geflutet) erstmals ernsthaft prüfen, ihre Inhalten gemeinsam und einheitlich in einem “Kiosk” anzubieten. Der Nutzer erhält damit Zugriff auf Dutzende von Zeitungstiteln und kann mit Hilfe von ausgefuchsten Instrumenten in Echtzeit genau die Nachrichten herausfiltern und sich auf das iPhone pushen lassen, die ihn interessieren.

    Ich bin daher fest davon überzeugt, dass ein deutschlandweiter, verlags- und titelübergreifender Kiosk auf dem iPhone seine Leser- und Käuferschaft finden wird.

    Und ja: Es wird immer Leute geben, die keinen einzigen Cent für Paid Content ausgeben werden. So wie es im Supermarkt immer Leute geben wird, die vor dem Zeitschriftenregal stehen und stundenlang Magazine durchblättern.

  • 3. November 2009, 14:11 Uhr

    Ulrich Voß meint

    @Josef Roßmann:

    Die Umsätze der Musikindustrie sinken trotz des Erfolgs von iTunes. IMHO ist das auch unumkehrbar.

    Das wird bei den Zeitungen auch passieren und passiert schon (wegen der Bindung durch Abos langsamer). Mehr sage ich nicht. Es wird IMHO in einem Jahrzehnt deutlich weniger Zeitungen mit deutlich weniger Journalisten geben. Weil ebendie Einnahmen zusammenbrechen. Dabei sind ist (ich wiederhole mich) weniger die Leser, die zu sinkenden Einnahmen führen, sondern die Werbetreibenden, die von sinkenden Preisen durch steigendes Angebot profitieren. Der lokale Werbemarkt war früher die Tageszeitung, der Radiosender, Außenwerbung und das Telefonbuch. Heute ist das ganze Internet lokal, weil ich die IP des Nutzers und damit die geografische Verortung kenne (auf dem Handy weiss ich noch mehr, weil das Handy GPS hat). *DAS* ist das Problem der regionalen Medien. Die Monopolpreise sind Geschichte – für immer. Da gibt es keinen Ausweg.

    Jede Paid Content Idee im Internet muss also die fehlenden/wegbrechenden Einnahmen aus der Werbung mit auf die Preise umlegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert.

    Schaffen können das IMHO nur die Medien, die vorher teuer waren, originären und für die Massen interessanten Content anbieten. Vielen war früher ein Handelsblatt, der Spiegel oder eine FAZ zu teuer. Heute jedoch bekomme ich den Zugriff darauf. Das können diese Anbieter refinanzieren, weil sich ihre Leserschaft vervielfacht hat. Das gleiche wird aber bei Regionalzeitungen nicht/kaum funktionieren. Der Content der Augsburger Allgemeinen interessiert mich nur zweimal im Jahr: Wenn Augsburg gegen RWO spielt. Sorry, aber das ist so. Ungeachtet von jeder journalistischen Qualität wird sich das auch nicht ändern.

    Ich sehe einfach bei regionalem Content kaum Möglichkeiten, in der Klemme zwischen sinkenden Einnahmen, geringem (weil regionalem) Interesse und hohem Aufwand für den originären Content zu überleben.

  • 4. November 2009, 15:15 Uhr

    Josef Roßmann meint

    @Ulrich Voß
    Es wäre mehr als vermessen, wenn wir behaupten würden, dass wir mit unserer iPhone App die Umsatzeinbrüche der Tageszeitungsverlage kompensieren könnten. Das behaupten wir aber gar nicht.

    Wir liefern lediglich ein Geschäftsmodell, wie Nachrichten in einer ganz bestimmten Nutzungssituation – nämlich unterwegs mit dem iPhone oder Android-Handy in der Tasche – monetarisiert werden können. Wir liefern damit Einnahmen aus einem Distributionskanal, den Zeitungen bisher größtenteils nicht beliefern. Das mag auf die Gesamtsituation der Verlage tatsächlich keinen großen Einfluss haben, da mögen Sie Recht haben. Meines Erachtens bietet unser Modell aber ein größeres Potenzial als die meisten anderen Ansätze, die ich kenne.

    Und wenn Sie sich für ganz bestimmte Nachrichten eines Verlags, der Ihnen ansonsten völlig egal ist, zwei Mal im Jahr interessieren und Geld dafür bezahlen würden, sehe ich das sogar als Bestätigung unseres Modells.

    Unsere App beinhaltet genau dafür Suchagenten, bei denen Sie – um bei Ihrem Beispiel zu bleiben – “RWO” als Suchbegriff hinterlegen können. Wenn eine passende Nachricht – egal von welchem Verlag – aufschlägt, erhalten Sie just in diesem Moment eine kostenlose Push Notification (Realtime). Sie können den Anreißer kostenlos lesen, wollen Sie die gesamte Nachricht lesen – und auch nur dann – bezahlen Sie 79 Cent.

  • 6. November 2009, 00:46 Uhr

    m0mms meint

    machen wir ein reality check – ich bin engländer, denglish ist unvermeidbar

    versuche bitte folgendes bild vor augen zu führen:

    es gibt ein offenes “kindle” oder ähnliches, oder einer von apple, oder google.

    apple verkauft abo’s über itunes für diesen reader. und zwar a la iTunes Genius und location aware. ganz nach meinem profil, die mitlernt, und ganz nach meinem standort.

    wie sehen dann die werbe einnahmen aus? gar keine glaube ich. und das ist eine szenario die überhaupt nicht unrealistisch ist. wie würde dann das journalistische beruf aussehen? und die ganze andere frage, wie würde der zeitungsbranche aussehen? die eine hätten eine sehr interessante und promising zukunft, die anderen sind interessant für die sammler.

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