illustration

Suche

Neueste Kommentare

  • Hardy Prothmann: Hallo Herr Tews, Sie scheinen ein nervöser Mensch zu sein. Und leider auch nicht sonderlich logisch....
  • Andreas Tews: Blödsinn (ist zwar nur eine Korrektur, so wird es aber ungewollt nochmals zur Betonung)
  • Andreas Tews: Mir ist meine Zeit zu schade um auf Ihren Bödsinn länger als mit vier Sätzen zu antworten. Daher beende...
  • Hardy Prothmann: Hallo Herr Tews, schön, dass Sie auch ein wenig im Netz surfen und so gucken, was man über Sie so in...
  • Andreas Tews: Herr Prothmann hat im Interview die Online-Aktivitäten von Nussbaum Medien St. Leon-Rot angesprochen....

Archiv

2015
2014
2013
2011
2010

Der Innovation auf der Spur

Footprints

„Dieser schreckliche Stotterjournalismus!“ – mein Interview mit dem Netzwerk Recherche

Thomas Mrazek vom netzwerk recherche hat mich im Oktober 2010 für die  in Kürze erscheinende Neuauflage der Werkstatt “Online-Journalismus” interviewed. Ebenso wie den geschätzten Ulrike Langer, Dirk von Gehlen und Lorenz Lorenz-Meyer hat er mir die Vorabveröffentlichung gestattet. Herzlichen Dank dafür! Nachtrag (27.01.2011): Inzwischen ist die Werkstatt “Online Journalismus” erschienen.

Thomas Mrazek: Wie sehen Sie den aktuellen Zustand des Online-Journalismus in Deutschland, was läuft gut, was läuft weniger gut?

Marian Semm: Erstens gibt es etablierte überregionale Angebote von Online-Journalismus – im Mainstream und in Nischen, institutionalisiert und unabhängig. Ich lese gerne netzpolitik.org und ich bin ein großer Fan von Wolfgang Blau, weil er diese angestaubte Wochenzeitung „Die Zeit“, die ich immer mit unserem Lehrerhaushalt aus den 1980-er Jahren verbinden werde, so grandios ins Netz verpflanzt hat. Zweitens gibt es auch ein paar experimentierfreudige Zeitungsverlage, da fallen mir die „Ruhr Nachrichten“ und die „Rhein-Zeitung“ ein – die Schlüsselstellen sind dort erfrischend, teils jung besetzt, die Chefs leben die neue Welt vor. Und drittens haben wir eine Graswurzelbewegung von Orts-Blogs und regionalen Themenblogs wie dem Heddesheimblog oder Fußball Passau.

Zu jedem dieser Punkte lässt sich ein großes Aber finden. Erstens: Die überregionalen Angebote werden häufig von Print mitgetragen und wären alleine nicht überlebensfähig. Zweitens: Die meisten Regionalzeitungen möchten aus ökonomischen Gründen einen Erfolg des Online-Journalismus verhindern, weil sie glauben, dass im Online-Geschäft der Werbeeuro nur zehn Cent wert ist. Drittens: Diese Orts-Blogs rechnen sich momentan nur unter Idealbedingungen, ich trage dafür den Begriff Blogger-Prekariat mit mir herum.

Es wird sich zeigen, was funktioniert – langfristig am stärksten in ihrer Existenz bedroht sehe ich nicht die Orts-Blogger sondern die Regionalzeitungen, weil viele in ihren Strukturen verharren. Ich kenne Journalisten, denen es sonnenklar ist, dass die Bedingungen, wie wir sie in der zweiten Häfte des 20. Jahrhundert erlebt haben, Geschichte sind und die sich mit vielen Aspekten der neuen Welt auseinander setzen. So weit so gut. Aber ich erlebe auch Journalisten, die so tun als wäre die Welt noch wie vorgestern. Die empfinden Nutzerbeteiligung über Leserbriefe hinaus vor allem als störend, lehnen neue Wege der Arbeitsorganisation ab, das Internet ist voller überflüssigem Gequatsche und Facebook und Twitter sind vorübergehende Erscheinungen. Das meinen die echt ernst. Tja, die Leute haben mich 1995 auch komisch angeschaut, wenn ich gesagt habe, dass sie in zehn Jahren keinen Film mehr in der Kamera haben, sondern eine Diskette. Und da lag ich ja auch tatsächlich daneben … denn es ist ein Speicherchip.

Thomas Mrazek: Wird das Potential des Online-Journalismus in Deutschland nach Ihrer Einschätzung ausgeschöpft? Wenn nein – woran hakt es Ihrer Meinung nach besonders?

Marian Semm: Die journalistischen Mittel orientieren sich logischerweise sehr stark an Print- und Fernsehjournalismus. Aber es gibt erste, ganz nette Beispiele von nativen Ausdrucksformen wie Audio-Slideshows und Datenjournalismus. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt alles sein muss, ich würde dazu raten, ganz entspannt zu experimentieren. Es wird sich von ganz alleine eine eigene Formensprache entwickeln. Das Thema Datenjournalismus wird in der Diskussion derzeit mit ziemlich vielen Erwartungen aufgeladen, das würde ich lieber ruhiger angehen, da geschieht momentan gedanklich die Ernte vor der Saat. Damit wären wir bei meinem Lieblingsthema, der Organisation redaktioneller Prozesse. Mir würde für’s erste genügen, wenn jede Online-Meldung detailliert verschlagwortet und geographisch verortet wird – schon das ist Anspruch genug. Sauber getaggte Inhalte kann ich in vielen Perspektiven und Kontexten präsentieren – je nachdem, welche Frage sich der Nutzer gerade stellt: Was passiert um mich herum? Was findet am Wochenende in meinem Ort statt? Wo hat es noch überall gebrannt in letzter Zeit? Wo ist noch ein Bürgermeister wegen Vorteilsnahme im Amt verurteilt worden? Was wird diese Woche am Amtsgericht verhandelt? Was passiert in den nächsten Wochen auf der Kleinkunstbühne? Auf welchem Tabellenplatz steht der Fußballverein?

Vergessen wir nicht: Im Regiestuhl des Netzes sitzt der Nutzer. Ich bin auch überzeugt davon, dass sich Regionalzeitungen durch eine Häutung, eine Adaption von Blogger-Prinzipien einen ganz, ganz treuen Leserkreis aufbauen könnten. Das wäre die Rückeroberung des lokalen Raumes, sozusagen. Tun sie aber nicht, wenn ich mir den Online-Journalismus vieler Regionalzeitungen genauer ansehe. Ich habe neulich ein Crossmedia-Seminar mit Mitarbeitern aus zehn mittleren bis kleinen Regionalzeitungen gehalten. Davor habe ich überprüft, wer denn alles in Facebook oder Twitter aktiv ist und wer denn alles mit Videos experimentiert. Einerseits war ich überrascht, wie viele da tatsächlich experimentieren. Andererseits: Vieles ist richtungslos, konzeptlos, halbherzig und unprofessionell und deutlich über der Grenze der Markenschädigung.

Am oberen Ende der IVW-Rankings sieht es wenigstens optisch besser aus, denn da sind die Blender, die ihre Seite alle zwei, drei Jahre neu anstreichen und, was die Klickzahlen angeht, durchaus erfolgreich sind. Ich vermisse dort eine zeitnahe, vollständige und konsequente Auseinandersetzung mit regionalen Themen: Online first, Region first – das findet einfach nicht statt. Es ist für Online-Redaktionen bequemer, sich von der ARD mit den Tatort-DVDs eine Woche vor Ausstrahlung bemustern zu lassen und eine Kurzkritik zu schreiben, die genauso in einem überregionalen Dienst stehen könnte, als sich mit seiner Kernkompetenz auseinander zu setzen – und möglicherweise einem Kollegen sagen zu müssen, dass es eben nicht reicht, um 17 Uhr 15 Zeilen für das Druckprodukt abzugeben. Und wenn sie das dann tun, also sich mit ihrer Region beschäftigen, dann in Form von fast automatisch einfließenden Polizeimeldungen oder Meldungen von vorgestern. Ein nicht auszurottender Irrglaube ist, dass Themen online kurz gefahren werden müssen – diese Nachrichtenticker, dieser Stotterjournalismus, schrecklich! Jedes halbwegs gepflegte Hobby-Blog hat mehr Tiefgang!

Thomas Mrazek: Der ehemalige Focus Online-Chefredakteur Jochen Wegner stellte kürzlich erneut seine These „Journalisten müssen Unternehmer werden“ zur Debatte. Was halten Sie in Bezug auf den Online-Journalismus von dieser These, bietet dieses Genre Chancen für journalistisches Unternehmertum?

Marian Semm: Ich finde, dass jeder Journalist verstehen sollte, wie sein Umfeld wirtschaftlich funktioniert – denn nur dann kann er realistisch seinen eigenen Wert einschätzen und diejenigen seiner Stärken entwickeln, die ihm Spaß machen und die nachgefragt sind. Das Denkmodell eines journalistischen Unternehmertums leitet sich ja ab aus der Demokratisierung der Arbeitsmittel – und der Chance, deshalb unabhängig von einem Verlag zu agieren. Aber nicht jeder geborene Schreiber ist auch ein talentierter Geschäftsmann, deshalb finde ich, es ist ein „sollte“ aber kein „müssen“. Und wenn wir schon die Grenzen betrachten: Es ist auch Fakt, dass es den multibegabten Text-, Bild-, Audio-, Video- und Animations-Journalisten nicht gibt. Und dass die Anforderungen an einen Journalisten und an einen Werbevermarkter unterschiedlich sind.

Thomas Mrazek: Mit dem Heddesheimblog betreibt Hardy Prothmann solch ein journalistisches Unternehmen. Sie beobachten dieses Projekt ja auch schon länger, was halten Sie von diesem Modell? Beutet sich Prothmann, der täglich 12 Stunden für dieses Angebot arbeitet, nicht selbst damit aus? Kann das überhaupt gut gehen, wenn Prothmann sowohl als Journalist als auch als Vermarkter agiert? Kennen Sie noch andere Beispiele solcher Nischen- oder Lokalblogs, die Sie für erfolgreich und für erwähnenswert halten?

Marian Semm: Sie können das Selbstausbeutung nennen. Aber Hardy macht gerade so viele wertvolle Erfahrungen – und sei es die, dass eine Zusammenarbeit mit einem Zeitungsverlag oder zumindest einem professionellen Vermarkter vielleicht so schlecht nicht wäre. Und Spaß macht es ihm wohl auch, ich lese bei seinen Beiträgen und Kommentaren echte Leidenschaft. Ob er eine Chance hat? Nach BDZV-Statistik verlieren die westdeutschen Regionalzeitungen seit 2001 im Schnitt jedes Jahr vier Prozent Anzeigenumsatz. Die Verlage drücken die Kostenbremse, das ist logisch. Aber wo sparen sie? Unter anderem in der Fläche, in der Besetzung der Lokalredaktionen, an deren Honorartöpfen. Das bedeutet: Da geht etwas verloren, was es bisher gab – und da muss doch etwas an diese Stelle treten: Für das Informationsbedürfnis der Bürger und für das Werbebedürfnis der Geschäftsleute. Zwischen einem Viertel und der Hälfte der Werbeumsätze von Zeitungen werden regional erreicht. Wenn wir von einem Kostenanteil für Druck und Logistik bei einer Zeitung von rund 70 Prozent ausgehen, hat Prothmann da einen massiven Kostenvorteil. Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich das auch rechnet. Von Luft und Liebe allein kann er ja nicht leben. Ich persönlich glaube, es ist keine Dauerlösung, dass Prothmann selbst für die Vermarktung sorgen muss. Es ist leicht von sich zu sagen: Ich bin unabhängig! Und einem wie Prothmann traue ich die Konsequenz zu, über einen Werbekunden kritisch zu berichten. Aber es ist einfach ungeschickt, da kann er behaupten was er will.

Neben Prothmann werfe ich regelmäßig ein Auge auf Altona Info, die Leipziger Internet Zeitung, Regensburg Digital und Fußball Passau. Interessant finde ich auch Oberberg Aktuell, ein Online-Zeitungsprojekt einer regionalen Werbeagentur, die sich schon seit zehn Jahren hält und angeblich kostendeckend arbeitet. Im Blick hatte ich auch Hüllhorst Online – der Betreiber hat aber vor einigen Wochen nach einem guten Jahr Bloggerei aufgegeben.

Thomas Mrazek: Welche Geschäftsmodelle könnten sich im Online-Journalismus in den kommenden Jahren durchsetzen?

Marian Semm: Es hat sich gezeigt, dass nur dort, wo der Konsument aus Information direkt Marktvorteile ziehen kann, Paid-Content- oder Freemium-Modelle realistisch sind – also im Wirtschafts- und Finanzjournalismus. Das ist die Meinung im Jahr 2010, die kann 2012 schon überholt sein – wenn ich zum Beispiel lese, dass Blogger zuverlässiger Aktienkurse prognostizieren können als angestellte Analysten. Ich bin nicht gegen Paid Content, aber ich bin überzeugt, dass man – was direkt erwirtschaftete Beträge angeht – im großen und ganzen mit der Vermarktung der Reichweite auskommen muss. Damit steht Online-Journalismus in Konkurrenz zu allem, was Augäpfel anzieht. Auch zu Farmville.

Ich glaube aber auch, dass da die Regionalzeitungen noch nicht alle Register gezogen haben, weil sie sich heute ja entscheiden: Soll der Werbeeuro in die Zeitung gehen oder in das Netz? Ich bin überzeugt, dass sich etwas tun wird und dass wir in den nächsten Jahren Zeitungen kennen lernen werden, bei denen der Online-Werbeanteil bei 15 oder 20 Prozent liegt. Vielleicht stellen wir ja fest, dass der lokale Werbe-Euro online mehr wert ist als diese zehn Cent. Vielleicht stellt sich sogar eine „Bettelschranke“ als praktikabel heraus, die ab dem Aufruf des dritten Artikels um einen Beitrag bittet.

Thomas Mrazek: Das Ipad, die E-Reader, Mobile Devices: Viel PR-Wind um nichts oder tatsächlich ein ökonomischer Hoffnungsträger für den Journalismus und ein Wegweiser für einen neuen, multimedialen Online-Journalismus?

Marian Semm: Meine Lieblingsapps auf dem Ipad heißen nicht „Welt“, „Spiegel“ oder „Frankfurter Rundschau“. Sondern Safari, Flipboard und NewsRack. Ich habe allen Apps eine reelle Chance gegeben, aber es funktioniert nicht. Ich weiß nicht genau warum; die Ipad-App der „Frankfurter Rundschau“ ist wirklich großartig, die „Spiegel“-App finde ich nicht schlecht, nur bei der Welt-App fand ich die Bedienung etwas wenig elegant. Vielleicht mag ich einfach nicht eingesperrt sein?

Thomas Mrazek: Wir haben – schon ganz selbstverständlich – Google als ergänzendes Recherche-Werkzeug, wir haben die Sozialen Netzwerke, die wir für Recherchen nutzen können; wir haben neuerdings Wikileaks; wir können unser Publikum mit dem Prozessjournalismus in unsere Recherchearbeit miteinbeziehen. Hat der Online-Journalismus – wenn er konsequent ohne ökonomischen Druck im Hintergrund stattfinden kann – nicht eine glänzende Zukunft vor sich?

Marian Semm: Ökonomie beantwortet die Frage, wie knappe Ressourcen vorteilhaft eingesetzt werden. Die einzigen, die sich nicht dieser Frage unterwerfen müssen, werden von der GEZ finanziert oder von einem Verleger, dem seine Leser egal sind. Dem ökonomischen Druck sind nicht nur Freie ausgesetzt – jeder Chefredakteur hat sich dieser Frage für jede Redakteursstelle zu stellen. Je konsequenter er das tut, desto erfolgreicher ist sein Produkt. Sie haben aber recht mit der glänzenden Zukunft, solange wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass es für Journalisten zwei Modelle gibt, Geld zu verdienen, nämlich als entweder fester oder als freier Journalist. Man sieht doch an Beispielen wie Markus Beckedahl von Netzpolitik.org und Ulrike Langer von Medialdigital.de, wie guter Online-Journalismus zum Aushängeschild von Kompetenz wird. Beide Kollegen könnten von ihren Portalen sicher nicht leben. Aber sie stellen ihre Kompetenz aus und das verhilft ihnen zu lukrativen Aufträgen an anderer Stelle. Der Journalist von heute kann zum einen soziale Graphen bewusst anregen, um zu Rechercheergebnissen zu kommen und er hat zum anderen die Möglichkeit, die freien Datenströme in Twitter oder Google Alerts thematisch oder geographisch zu filtern. Klar, dass wir in diesem Journalismus lernen müssen, mit der Unsicherheit umzugehen, die solchen Quellen innewohnt. Zu Zeiten von Brockhaus, Munzinger und „FAZ“-Ausschnitten war das unbestritten einfacher. Aber das 20. Jahrhundert ist vorbei, Herr Mrazek, es ist vorbei.

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 5.00 out of 5)
Loading ... Loading ...

Pingbacks

Kommentare

  • 12. Januar 2011, 19:25 Uhr

    Daniel Wildfeuer meint

    Tolles Interview! Ich habe nichts zu ergänzen …

  • 12. Januar 2011, 22:46 Uhr

    Hannes meint

    Ich wähle mal das “Blogger-Du”:

    Lieber Marian Semm,

    gibt es einen Grund, warum Du Dich nicht mit den “ruhrbaronen” beschäftigst bzw. warum sie nicht in Deiner Liste der Lokal-Blogs vorkommen?

    Gruß
    Hannes

    • 12. Januar 2011, 23:19 Uhr

      marian_semm meint

      Hallo Hannes,

      die Liste ist ganz spontan gewählt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ich kenn die Ruhrbarone, habe sie auf Twitter abonniert – aber sie sind mir nicht ständig im Sinn, wenn du verstehst, was ich meine. Und sie sind auch kein so typisches Ortsblog, dafür ist der Einzugsbereich zu groß für eine lokale Nähe. Aber ich finde das Angebot gut, keine Frage.

      Der Kollege Hugo E. Martin hat mal eine Liste zusammen gestellt – aber er pflegt sie wohl nicht weiter, ist wohl eher eine hoffnungslose Angelegenheit, so viel Kommen und Gehen: http://hemartin.blogspot.com/2009/04/placeblogs-stadteblogs-kiezblogs.html

      Gruß!

      Marian

  • 12. Januar 2011, 23:31 Uhr

    Sascha meint

    Kollege Semm spricht einige sehr wichtige Dinge sehr gelassen aus. Er kommt zum richtigen Schluss, dass regionale Medienhäuser vor allem ihre lokale und regionale Karte ausspielen müssen – ob in Print oder Online.

    Er stellt fest, dass Journalisten das Netz endlich einmal als Chance begreifen müssten, sich selbst als Marke zu positionieren. Leider ist dem bei vielen Kollegen noch nicht so.

    Ebenso stimmt es, dass sich Lokaljournalisten als professionelle Mitspieler in einem größeren Konzert lokaler und regionaler Player verstehen sollten. Konsequente (Online-)Vernetzung ist hier der richtige Weg. Marian Semm nennt das “Adaption von Blogger-Prinzipien”. Bin ich bei ihm.

    Und es wird wohl auch so sein, dass wir zumindest mittelfristig vor allem Reichweite vermarkten werden. Deshalb wird – zumindest vorerst – neben dem lokalen Aufreger wohl auch die Tatort-Kritik weiter mitgenommen werden in regionalen Online-Portalen. Warum denn auch nicht, wenn es die Menschen offensichtlich interessiert?

    In einem Punkt bleibe ich trotzdem ehr kritisch. Mir konnte bislang kein einziger, noch so ambitionierter deutscher Lokalblogger ein überzeugendes Refinanzierungskonzept vorlegen. Insofern sind die Heddesheimblogger dieser Welt zwar schön und nett und immer wieder spannend zu diskutieren, ein zukunftsfähiges Konzept sehe ich in ihnen – mal abgesehen von ihrem Gegengewicht zu den jeweiligen “Platzhirschen” – aber nicht. Gelungene Selbstvermarktung bedeutet eben nicht automatisch auch gleich einen finanziellen Erfolg…

    • 13. Januar 2011, 10:19 Uhr

      marian_semm meint

      Wenn es schon überzeugende Referenzierungskonzepte gäbe, wüssten wir alle, was zu tun ist, Sascha…

      Bis dahin bleibt uns allen nur, die Rahmenbedingungen zu betrachten und ihre Bewegungen in der Vergangenheit:
      - Rückgang der Reichweite im Lesermarkt seit Anfang der 80er Jahre – ich habe keine Quelle zur Hand, aber so 1% pro Jahr ist ganz realistisch.
      - Rückgang der Anzeigenumsätze seit dem Jahr 2000 – das habe ich für den Freischreiber-Kongress 2010 anhand von BDZV-Zahlen ausgerechnet – von 4% pro Jahr. Es waren ganze zwei Jahre dabei, in denen die Anzeigenumsätze gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind.

      Dazu fällt mir das Froschexperiment ein…

      http://tobihaede.wordpress.com/2008/12/10/froschexperiment-part-iii/

      Wer sitzt im Topf?

      Wir wissen beide, dass es in Verlagen und auch in Redaktionen die Möglichkeit zu sparen gab und vielleicht noch gibt, ohne dem Produkt weh zu tun. Wem schadet es, wenn in einer Regionalredaktion nicht mehr vier Redakteure dpa-Landesdienste auf die Seite klatschen sondern nur noch drei, zwei oder einer? Wem schadet es, wenn der Autotest von der dpa kommt oder aus einem Textpool und nicht ein privilegierter Redakteur ein Wochenende seinen Spass damit haben durfte? Aber es wird von Sparrunde zu Sparrunde schwerer.

      Und jetzt erkläre mir bitte folgendes:
      - Wo stehen die Verlage und ihre Printprodukte angesichts dieser Entwicklung 2015, 2020, 2025?

      Kann man ausrechnen. Wird auch ausgerechnet. Mal darüber nachgedacht, warum die Papierindustrie konsolidiert, warum MAN Roland, KBA, Heidelberger Druck so ein bisschen, ein kleines bisschen im Schlingern sind?

      Wir werden morgen nicht alle sterben. Aber wir werden noch ein paar Jahre leben, weil wir die Effizienz unserer Produktherstellung steigern und nicht aufgrund der Effektivität unserer Produkte.

      Und erklär mir auch das – mal angenommen, es gäbe so grundsätzlich die Möglichkeit im Internet Geld zu verdienen:
      - Wäre das eher mit lokalen Inhalten oder mit der Tatort-, DSDS-, GNTM-Vorschau/-Kritik/-Diskussion/-Aufregerei?

      Ab welchem Zeitpunkt wäre es sinnvoll,
      - die dazu notwendigen Schritte anzugehen?
      - die Kollegen ins Boot zu holen?
      - die Nutzer daran zu gewöhnen, dass man so etwas jetzt auch online findet?
      - die Inhalte onlineorientiert zu entwickeln und aufzubereiten?
      - Refinanzierungswege zu finden?
      - die Nutzer an die eigene Marke zu binden?

      Ab gestern, oder?

      • 13. Januar 2011, 20:01 Uhr

        marian_semm meint

        Kleine Ergänzung: Mit dem Jahr 2010 waren es dann drei von elf Jahren mit positiver Entwicklung im Werbemarkt.

  • 13. Januar 2011, 01:25 Uhr

    Hardy Prothmann meint

    Guten Tag!

    So schnell kanns gehen. Gerade (23:37 Uhr) erhalte ich eine mail mit Hinweis auf Ihren Kommentar und die Bitte, “mich um Sie zu kümmern”.

    Das tue ich gerne ;-)

    Dem ersten Teil Ihres Kommentars stimme ich zu. Vor allem die Gelassenheit eines Marian Semm kann ich bestätigen. Mein erster Eindruck von dem Mann war: Ein lieber Kerl, möglicherweise zu lieb.

    Als ich dann das Interview gelesen habe, das aus unserem Gespräch entstanden ist, habe ich zwei Dinge festgestellt:
    1) Meine Aussagen wurden genau zusammengefasst
    2) Das Interview hat mich selbst interessiert, weil eben wichtige Fragen gestellt wurden, die man sich zwar vielleicht selbst schon gestellt hat, die aber jemand anderer stellt. Das macht einen Unterschied.

    Seither bin ich so eine Art “semm’scher” Leser und werde immer wieder angenehm überrascht mit guten Informationen.

    Und ich prophezeie Ihnen, dass Sie komplett auf dem Holzweg sind. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn Sie arbeiten ja vermutlich für ein “Holzmedium”.

    Reichweite? Die wird bis heute durch Monopole aufgebaut, durch Kartelle abgesprochen. Und trotzdem sinkt sie. Teils dramatisch.

    Any solutions?

    Zeitungen sind eine Verliererbranche, wenn Sie so wollen.

    Als Fan der Verlierer-Branche ätschen Sie nicht wirklich überraschend. Sie stellen dazu eine geradezu dämonisch scheinheilige Frage nach einem “Finanzierungskonzept”.

    Die deutschen Regionalverlage haben alles dafür getan, um online immer dann zu bekämpfen, wenn sie investieren mussten, statt satte 15-20 Prozent Umsatzrendite an der Riveria oder sonstwo auszugeben oder sich drüber zu streiten, wer was kriegt.

    (00:13-00:52 Uhr Unterbrechung)

    Zu recht haben diese Profit-Junkies eine nach der anderen auf die Schnauze gekriegt. Rubrikenmärkte weg, Stellenanzeigen weg, Auflage runter.

    Das Zeitungsgeschäft stirbt, weil das Monopol auf „Reichweite“ neben den Rundfunkmedien alten Typs erodiert.

    Der Regensburger Kollege Stefan Aigner war gerade in Hamburg vor Gericht, um seine Meinungsfreiheit zu verteidigen. Nicht nur seine, sondern auch die von vielen neuen Stimmen, die vom Grundgesetz Gebrauch machen.

    Wer das als “Selbstvermarktung” bezeichnet, muss sich dringend fragen lassen, ob der typische Zeitungszynismus schon die Leber zerfrisst.
    Früher hieß das mal „Verteidigung der Pressefreiheit“ und die Aufregung war groß, wenn denn mal ein „Lokaler“ sich vor Gericht verantworten musste, weil ers genau wissen wollte und genau aufgeschrieben hat.

    Heute gehört der Urheberrechtsklau von Pressemitteilungsinformationen zum Standardgeschäft.

    Stefan Aigner ist bereit, auf Hartz IV-Niveau zu leben, ohne Familie, irgendwie kommt er durch, verkauft nebenbei Platten.

    Er ist nicht bereit, sich seine Meinung verbiegen zu lassen, wie andere, die sich ein “zukunftsfähiges Geschäftsmodell” wünschen und nur bei der Aussicht darauf über einen “Wechsel” bereit sind nachzudenken und sich zufällig noch „Journalist“ nennen.

    Möchten Sie einen Beleg? Stefan Aigner hat in Regensburg über einen Heddesheimer Künstler berichtet, der eine Woche für 200 Euro auf regensburg-digital.de dafür geworben hat.

    Der Artikel war kritisch und nicht gefällig. Der „kritische“ Künstler hat sich dafür bedankt.

    Wenn Sie sich ein wenig zurücklehnen würden, als sich nur aufgeregt vornüber zu beugen, würden sie erstaunliche Dinge feststellen.

    Zum Beispiel, dass “Netzthemen” allerorten die Medien bestimmen. Die Hysterie ist dabei ganz erstaunlich.

    Gleichzeitig stellen Sie fest, dass immer häufiger “ambitionierte” Blogger an den lokaljournalistischen Start gehen.

    Die meisten stellen sich vor, die ersten Jahre hoffentlich zu überleben. Denn es gibt keinen Markt, auf dem man mitbieten könnte. Es gibt keinen Markt, in dem man sich „zukunftssicher“ einen Karriereweg planen könnte.

    Trotzdem werden es immer mehr und Sie lächeln sich einen, weil Sie denken, „ach, der Selbstvermarkter“.

    Tatsächlich trifft das zu. Ich und andere sind „Selbstvermarkter“. Wir machen in Deutschland das, was in Amerika schon länger (auch noch nicht zukunftssicher) versucht wird. Unternehmer-Journalismus.

    Der eine Markt ist bis heute durch Reichweite bestimmt, den anderen gibt es noch nicht wirklich, aber er entsteht.

    Aber es ist ein erstaunliches Geschäft, das sich auftut, wenn Anzeigenkunden sagen, dass sie bewusst kritisch behandelt werden wollen und dafür zahlen.

    Das sind meist nicht die, die davon ausgehen, dass sie dafür zahlen, um so behandelt zu werden, wie sie sich das vorstellen.

    Das sind die, die verstanden haben, dass sie sich gerne kritisch behandeln lassen wollen, weil sie ein Angebot machen und davon überzeugt sind und sich einer kritischen Öffentlichkeit stellen. Auch als Medium.

    Das fällt selbstgefälligen „Wir-sind-die-größten-Medien“ nicht ein.

    Ob das Heddesheimblog-Konzept “zukunftsfähig” ist, wird die Zukunft zeigen müssen.

    Der Unterschied zwischen den “traditionellen” Printmedien und Blogs ist zumindest der, dass die Zeitungen “vergangenheitsbestätigt” agieren und die neue Konkurrenz zumindest im Punkt Zukunftsfähigkeit genauso fragwürdig sind wie die alten Modelle.

    Für das Konzept „Heddesheimblog“ kann ich nur sagen: Ich bin zuversichtlich und zufrieden mit der Entwicklung. Die Umsätze steigen. Teils erstaunlich und unvermutet.

    Die Umsatz-Kurve zeigt jedenfalls stetig nach oben, die Anfragen nehmen zu.

    Tatsache ist, dass es mir wie anderen an einem „Vermarkter“ fehlt, um das Geschäft „sauber“ zu trennen. Doch daran wird gearbeitet. Was heute schon der Fall ist: alles ist viel transparenter als gewohnt.

    Schauen Sie sich den Zeitungsmarkt an. Der ist von Intrasparenz geprägt.

    Da wird entlassen, was das Zeug hält, da werden von einem Zeitungsverlag 300 Millionen Euro Kredit über eine Landesbank aufgenommen, deren Aufsichtsratschef zufällig Ministerpräsident ist und da wundert man sich über die Berichterstattung einer Qualitätszeitung zur aktuellen Politik in einer Landeshauptstadt.

    Ich vermute mal, dass viele Zeitungen noch nicht verstanden haben, dass die Menschen, die auf die Straße gehen, als so genannte „Wut-Bürger“, ihre Informationen nur „bedingt“ aus der Zeitung haben.

    Viele Zeitungen sind für viele Bürger nur noch Wut-Grund. Deshalb wundere ich mich, um ihre Verwunderung aufzunehmen, wie viele etablierte, eigentlich „zukunftsfähige“ Unternehmen vollständig leichtfertig ihre Zukunft aufs Spiel setzen.

    Wer gewinnt das Game?

    Sie und ich und andere werden uns überraschen lassen.

    Obs am Ende ein „finanzieller Erfolg ist“? Wenn interessiert das? Den Journalisten, der dafür entlassen wird? Den Bürger, der immer schlechter informiert wird?

    Oder den, der am Ende am journalistischen Erfolg interessiert ist, irgendwie über die Runden kommt und für etwas eintritt, was Monopolisten per definition nicht zulassen wollen: Meinungsvielfalt.

    Vielleicht lässt sich aus Sicht der Verleger darauf hoffen, dass die Blogs keinen Fuß fassen.

    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

    Tatsache ist, dass die Gespräche der Menschen täglich weniger auf „traditionelle Medien“ zurückgehen und das Netz wächst.

    Dieser Gedanke würde mich an Ihrer Stelle bewegen, wenn ich an Ihrer Stelle, das Wort „zukunftsfähig“ verwenden würde.

    In diesem Sinne
    Hardy Prothmann

  • 13. Januar 2011, 10:29 Uhr

    Daniel Wildfeuer meint

    Da ich selbst aktuell in den Planungen für ein hyperlokales Projekt stecke befasse ich mich aktuell auch umfassend mit den Möglichkeiten der Monetarisierung eines solchen Angebots.

    Ich bin der Meinung, dass man neben den lokalen Anzeigen auch auf die überregionale Vermarktung setzen sollte. Damit meine ich nicht nur Google Adsense sondern auch viele andere Anbieter, oftmals auch kleine Agenturen, die sich auf die Nischenvermarktung spezialisiert haben.

    Da oft die “Reichweite” des einzelnen Angebots für eine derartige Vermarktung zu gering ist wäre in Zukunft auch ein Vermarktungsverbund mehrerer hyperlokaler Angebote denkbar.

  • 2. Juni 2011, 22:37 Uhr

    Robert Dobschütz meint

    Danke für die Erwähnung Herr Semm – wir dachten, es kommt noch etwas über die L-IZ.de selbst? ;-) Um dem Thema ein wenig (im langen Nachhall) eine kleine Anspitzung zu geben – die Leipziger Internet Zeitung ist längst ein kostendeckendes, unabhängiges Regionalangebot mit jährlicher Umsatzverdoppelung ergo Wachstumspotential geworden – die Zeiten des “Wegredens” sind hier (Sachsen) schon seit zwei Jahren endgültig sehr vorbei – was wir sicher vor 7 Jahren auch nicht geahnt hätten. Auch mit kritischem Journalismus im “engen Raum”. Es gibt also nichts Gutes – außer, man tut es. Gern teilen wir unsere Erfahrungen mit ernsthaften Journalisten, die es versuchen wollen und mittlerweile von uns ein System (CMS), eine gemeinsame Vermarktung und vor allem auch eine inhaltliche Zusammenarbeit von uns bekommen / mit uns zusammen (er)leben können – denn nichts geht besser, als gemeinsam. Liebe Grüße aus Leipzig

Kommentar abgeben

*Pflichtfeld