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Der Innovation auf der Spur

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San Diego 9/8/11 – Lost in Blackout

Ich hab es am Ventilator gemerkt, der nicht mehr gelaufen ist. Die Sicherung oder ein Wackelkontakt oder das Plastikding hat den Geist aufgegeben.

Sonnenuntergang in Northpark am 8. September 2011. Kein Strom – keine Beleuchtung.

Deutlich über 30 Grad ist es warm in North Park, einem Stadtteil von San Diego, etwas im Landesinneren. Heiß, außergewöhnlich heiß ist das für das ansonsten wettertechnisch sehr berechenbare San Diego. Normal sind 26 oder 27 Grad. Direkt am Meer fühlt sich das dank Wind etwas kühler an. Ein Kollege meiner Gastgeber berichtete vorgestern von einem Hitzestau in Downtown. Und kaum ist der Ventilator mal zehn Minuten aus, heizt sich die Wohnung merklich auf. Jetzt fällt mir auf: das Standbylicht der Stereoanlage ist aus, das Funktelefon sucht seine Basisstation. Stromausfall.

15:50 Uhr. SMS aus La Jolla, nördlich von San Diego. Mein Gastgeber, dessen Auto ich mir ausgeliehen habe, möchte von der Arbeit abgeholt werden, Stromausfall nicht nur in North Park. Ich setze mich in Bewegung, es überrascht mich nicht, dass die Ampeln der Texas Street, Nord-Süd-Ader von North Park ausgefallen sind. An der Kreuzung zur Interstate-8 Richtung Meer regelt schon die Polizei den Verkehr.

Auf dem Weg ist der Verkehr normal, auch auf der Interstate-5 Richtung Norden. Auf Höhe Mission Bay funktioniert noch die Ampel einer Abfahrt. Auf Höhe La Jolla der erste größere Stau, die Ampeln der Genesee Avenue sind ausgefallen, Stau in die meisten Richtungen. Das gilt für ganz La Jolla.

Die Amerikaner sind ein diszipliniertes Volk. Wenn die Ampeln ausfallen, funktionieren alle Kreuzungen wie ein 4-Stop. Man fährt an die Haltelinie, hält an, lässt alle vor, die vor einem angehalten haben, dann fährt man selbst. Stell dir das mal in Neapel vor. Oder in München.

Währenddessen hält Barack Obama seine Rede vor dem Kongress, es geht um den American Jobs Act, Steuererleichterungen vor allem für Kleinunternehmer. Obama macht einen müden Eindruck, das Intellektuelle raubt ihm den Schwung. Ich wünschte, er würde den Republikanern in ihrer Blockadehaltung ordentlich einschenken. Wer verhält sich hier unpatriotisch?

Meinen Gastgeber eingeladen, es ist Viertel nach Vier, bei ihm im Labor funktioniert kein Abzug, kein Rührer, keine Heizung, kein
Computer. Jeder will nach Hause. Das gilt auch für die Geschäfte, die sonst mit wenigen Ausnahmen das ganze Jahr 24 Stunden am Tag geöffnet haben. Habt ihr das öfter? Wie lange dauert das normalerweise? Ab und zu schon. So ein, zwei Stunden müsse man schon rechnen. Vor zehn Jahren bis zu sechs Stunden, allerdings mit Vorankündigung.

Wir können nicht einfach nach Hause fahren. Die Kinder meiner Gastgeber sind noch an ihren Schulen – die eine am anderen Ende von La Jolla, die andere in Point Loma, drei Stadtteile südlich davon. Das Thema Schulwege ist für deutsche Verhältnisse schon mit Strom ein Akt; für amerikanische Verhältnisse zwar nicht furchtbar weit weg, aber bei dem immer dichter werdenden Verkehr eine Herausforderung!

Und das AT&T-iPhone meines Gastgebers verliert immer wieder den Empfang, mein Telefon springt zwischen verfügbaren Providern hin und her. Um welchen der Söhne sollen wir uns kümmern? Wir holen den Älteren aus Point Loma. Auf dem Heimweg sehen wir ein Flugzeug auf dem Lindberg Field landen. Es dauert insgesant zwei Stunden von La Jolla über die Schule in Point Loma bis nach Hause nach North Park. Ohne Google Maps und die Echtzeitvorhersage hätten wir drei gebraucht.

Inzwischen ist klar, das ist nicht einfach ein kleiner Aussetzer, das ganze San Diego County sei ohne Strom, hören wir erst. In den
Nachrichten um Sechs hören wir von Ausfällen in Südkalifornien. Auf der Website der New York Times lesen wir, dass nicht nur
Südkalifornien sondern auch angrenzende Bundesstaaten und Mexiko keinen Strom haben.

Timeout zu Hause, wie beim Sport, Spielzeug weglegen, sofort, klare Ansage. Meine Gastgeber bereiten die Söhne darauf vor, dass der Stromausfall länger dauern könnte. Von eineinhalb Tagen ist die Rede. Kein Herd, kein Ofen, kein Kühlschrank, Duschen nur kalt, kein Föhn. Kaum noch Benzin im einen Auto, maximal für 120 Meilen im anderen. Die Mobiltelefone der Gastgeber sind während der letzten Autofahrten voll geladen worden. Schlau. Mein iPad ist zu 50 Prozent geladen, das iPhone zu 30 Prozent.

Wenn die Sonne untergeht, in San Diego zur Zeit gegen Viertel nach Sieben, haben wir nur noch Kerzen. Geht der Fernseher? Dem älteren Sohn ist nach Scherzen. Nochmal ernst: Die Kinder können die Telefonnummern nicht auswendig, das wird jetzt trainiert.

Jetzt wollen wir entgegen erster Pläne doch zum Seven-Eleven um die Ecke, Wasser kaufen, falls keins mehr aus der Leitung kommt – das ziehen wir mittlerweile ernsthaft in Betracht. Die Nachbarin kommt vorbei. Der Seven-Eleven hat geschlossen. Ob wir etwas von der Milch haben möchten, bevor sie sauer wird. Das kommt mir etwas voreilig vor, so schnell wird doch die Milch nicht sauer, solange man die Kühlschranktüre geschlossen hält.

Meine Gastgeber machen sich trotzdem auf den Weg, die Lage sondieren. Die Sonne geht gerade unter. Es sind kaum Autos unterwegs, zwei Hubschrauber überfliegen unseren Stadtteil. Amtrak fährt auch noch, wir hören dieses typische mehrtönige Horn von Old Town herauf. Wir sind jetzt dreieinhalb Stunden ohne Strom. Die Gastgeber haben zwei Packungen Eis gekauft, drei Gallonen Wasser und etwas Brot. Gleich gibt’s vorgekochtes Chicken-Curry, das wir kalt essen werden – gar nicht so schlecht bei der Hitze.

***

21 Uhr: Wir hören Radio, Mexiko hat seinen Strom wieder, ein Hörer aus Chula Vista hat seit zehn Minuten wieder Licht. Der Versorger hat ein ähnliches Szenario vor kurzem geprobt, bis alle wieder mit Strom versorgt sind, könnte es nochmal 24 Stunden dauern. Schule am Freitag fällt aus. Ich versuche seit zwei Stunden, diesen Text zu posten – aber ich bekomme keine Internetverbindung.

Kurz vor 23 Uhr: Licht bei den Nachbarn, Applaus. Unser Lüfter läuft wieder.

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